271k: Zwischen Clickbait und Holocaustrelativierung
Ein KI-generiertes Video zeigt John F. Kennedy im „Krümelmonster“-Pullover. Er lächelt in die Kamera und ruft „Let them cook!“. Darunter ein Rabattcode: „271K“ für sechs Prozent Nachlass.
Was wie schräge, mittels KI erstellte Werbung aussieht, ist in Wahrheit Holocaustrelativierung mit der Zahl 271.000 im Zentrum. Dahinter steht die Verschwörungserzählung, im Holocaust seien weitaus weniger Menschen gestorben als die Holocaust-Forschung zweifelsfrei beweist.
Was steckt hinter „271k“?
Der Holocaust gehört zu den am umfassendsten dokumentierten und erforschten Verbrechen der Geschichte und war in seiner Dimension beispiellos. Seit den 1940er-Jahren kommen unabhängige wissenschaftliche Untersuchungen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass die Nationalsozialisten etwa sechs Millionen Jüdinnen und Juden ermordet haben.
Und doch kursieren online verschiedene Versionen eines Dokuments, das scheinbar anderes nahelegt. Darauf zu sehen: Eine Auflistung von 271.000 ausgestellten Sterbeurkunden für ermordete KZ-Häftlinge aus dem Jahr 1979. Seit 1949 stellt das Sonderstandesamt der Stadt Bad Arolsen nachträgliche Sterbeurkunden für ermordete Häftlinge deutscher Konzentrationslager aus. Das Amt arbeitet eng mit den Arolsen Archives zusammen, dem Internationalen Zentrum über NS-Verfolgung. Die Arolsen Archives verwahren eine Sammlung mit 30 Millionen historischen Dokumenten zum Schicksal von etwa 17,5 Millionen NS-Verfolgten.
Damit das Sonderstandesamt eine Sterbeurkunde ausstellen kann, müssen Angehörige einen Antrag stellen, und die Todesumstände müssen ausreichend dokumentiert sein. Das trifft nur auf einen Bruchteil der von den Nationalsozialisten ermordeten Menschen zu. In den Vernichtungslagern wurden Millionen Menschen sofort nach ihrer Ankunft ermordet, ohne jemals als Häftlinge registriert worden zu sein – zu ihnen gibt es oft keinerlei bürokratische Spuren.
Die vom Sonderstandesamt veröffentlichte Auflistung der nachträglich ausgestellten Sterbeurkunden endet deshalb ausdrücklich mit dem Hinweis, dass diese Zahlen keinerlei Rückschluss auf die tatsächliche Gesamtzahl der Ermordeten zulassen. Genau dieser Kontext wird von Anhänger:innen von Verschwörungserzählungen jedoch systematisch ausgeblendet. Stattdessen wird die Zahl der ausgestellten Urkunden – rund 271.000 im Jahr 1979 – als angebliche Gesamtzahl der Holocaust-Opfer umgedeutet. Schon länger veröffentlicht das Sonderstandesamt aufgrund der missbräuchlichen Verwendung keine Zahlen mehr über die beurkundeten Todesfälle.
KI-Fakes säen Zweifel und befeuern Holocaustrelativierung
In den sozialen Netzwerken und besonders auf X werden das Dokument und die Zahl 271.000 immer wieder diskutiert. Mal wird das Originaldokument bewusst falsch interpretiert. Mal sieht man automatisiert oder KI-generierte Übersetzungen mit manipulierten Wortspielereien: So wird aus „Anzahl der Toten“ plötzlich „total deaths“ anstatt „number of deaths“. Mal wird der Absender verfälscht; statt des Sonderstandesamtes Bad Arolsen steht dann das Label „Red Cross“ auf dem Dokument. Ziel ist es, Zweifel an Quellen, Fakten und Wissenschaft zu säen.
In den sozialen Netzwerken verbreiten sich Verschwörungsmythen über Codes wie „271k“ schnell und sind für Außenstehende oft kaum entschlüsselbar.
Seit Ende 2024 ist auf der Plattform X der KI-Chatbot Grok im Einsatz. Er soll unter anderem Faktenchecks liefern, steht aber immer wieder wegen Falschinformationen und extremistischen Aussagen in der Kritik. Hunderte Male pro Woche zitiert Grok eine Korrektur der Arolsen Archives über die Fehlinterpretationen des Dokuments von 1979 des Sonderstandesamtes, was grundsätzlich positiv ist. Doch hierbei macht Grok wiederum selbst Fehler: Historische Institutionen werden vermischt, Daten falsch eingeordnet und unseriöse Quellen unkritisch übernommen.
Reichweite durch Provokation
Darüber hinaus wird der Code „271k“ online vielfach gezielt eingesetzt, um Reichweite zu generieren. Ein prägnantes Beispiel ist ein Fan-Account des antisemitischen Bloggers Myron Gaines auf X. Dort wird Merchandise mit eindeutig antisemitischer Bildsprache beworben; etwa der eingangs beschriebene Pullover, auf dem das „Krümelmonster“ Kekse in einen Ofen schiebt – eine menschenrechtsverachtende Anspielung auf den Völkermord an den Juden und Jüdinnen. Mit dem Rabattcode „271k“ erhalten Käufer:innen „6 %“ Rabatt, eine bewusste Gegenüberstellung der behaupteten 271.000 Toten zu den tatsächlichen sechs Millionen Opfern.
Das KI-generierte Video mit John F. Kennedy, mit dem das Produkt beworben wird, ist ein Verweis auf die angebliche Verwicklung der israelischen Regierung in dessen Ermordung. Der Post verbindet so antisemitische Narrative und Holocaustrelativierung zu einer klickstarken Werbung. Veröffentlicht am 25. Dezember 2025, wurde er bis Februar 2026 bereits 75.000-mal gesehen. Auch in der Krypto-Szene taucht „271k“ in Accountnamen oder Texten immer wieder auf.
Ob aus ideologischer Überzeugung oder als kalkulierte Marketingstrategie: das Ziel ist maximale Aufmerksamkeit durch Empörung und Diskussion. Auf dem Rücken von Holocaust-Opfern und ihren Nachfahr:innen verdienen andere nicht nur Geld, sondern verbreiten rechtsextreme Verschwörungserzählungen und vergiften den gesellschaftliche Diskurs über die Verbrechen der Nationalsozialisten.
„271k“ steht exemplarisch für eine Relativierung, die historische Dimensionen bewusst verschiebt. Es handelt sich dabei nicht um Einzelfälle, sondern um einen Teil eines breiten Repertoires geschichtsrevisionistischer Manipulationen, die auf Vereinfachung und Kontextverlust setzen. Dem muss durch kontinuierliche Aufklärung und Vermittlung begegnet und die Konzerne hinter den Plattformen müssen stärker in die Verantwortung gezogen werden.
Weiterführende Links:
- Arolsen Archives: https://arolsen-archives.org/
- Mehr zum Dokument des Sonderstandesamts der Stadt Arolsen: https://arolsen-archives.org/news/faktencheck-dieses-dokument-relativiert-nicht-den-holocaust/
- Faktencheck zum Code „271k“ im Format „Bullshit vs. Belege“ der Arolsen Archives: https://www.youtube.com/watch?v=jq3ahZj8hOU&t