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Koloniale Kontexte

Artefact Odyssey

Game und Quartett – zwei Spiele über die Provenienzen kolonialer Jagdtrophäen in der Sammlung des Museums Witzenhausen
Linda-J. Knop, Maximilian Preuss und Marion Hulverscheidt

Tierliche Trophäen von (Safari-)Jagden in den ehemaligen deutschen Kolonien finden sich im Besitz vieler Museen in Deutschland. Der Begriff „tierlich“ wird im Kontext der Human-Animal-Studies und der Tiergeschichte analog zum Begriff „menschlich“ verwendet. Diese Trophäen werden jedoch kaum ausgestellt und fristen ein eher schambehaftetes Dasein im Depot. Was mithilfe dieser Objekte gezeigt und vermittelt und wie hierbei ein spielerischer Zugang ermöglicht werden kann, wurde von August 2023 bis März 2024 in dem vom hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst geförderten Projekt „Von Holz und Knochen zu Bits und Bytes“ (HoKBit) ausgelotet, das mithilfe eines experimentellen, multidisziplinären Ansatzes zwischen Wissenschaft und Games situiert ist. 

Die Jagdtrophäen sind Teil der Sammlung des (ehemals völkerkundlichen) Museums Witzenhausen. 1976 als Stiftung gegründet, basiert das Museum auf der ehemaligen Schulsammlung der Kolonialschule Witzenhausen (1898–1945). Heute beherbergt es mehr als 90 tierliche Relikte aus kolonialem Kontext: Gehörne, Schädel, Skelette, Häute und Dermoplastiken (sog. „ausgestopfte Tiere“). Um die Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, wurden die Relikte digitalisiert und die erstellten Digitalisate bei DORiS – der Online-Plattform der Universitätsbibliothek Kassel für digitalisierte Objekte publiziert sowie in einem Computerspiel und einem Quartett weiterverwendet.

Die positive Vorerfahrung mehrerer Projektbeteiligter mit Game-basierten Medien in der Wissenschaft gab den Anstoß, sich dem sperrigen Thema in einem spielerischen Format zu widmen. Da das Museum Witzenhausen kein eigenes Personal hat, erschien ein Spiel-Format als gute Lösung, insbesondere als Ergänzung des museumspädagogischen Angebotes, das vom Weltgarten Witzenhausen bespielt wird. Besonders wichtig war allen Beteiligten, die erarbeiteten Daten nicht im „Elfenbeinturm“ der Wissenschaft zu belassen, sondern einen niedrigschwelligen Vermittlungsweg und eine der Öffentlichkeit zugängliche Weiterverwertung zu gestalten.

Da die meisten Gäste des Museums Schulklassen sind, wurde die Zielgruppe des Spiels auf Schüler:innen ab Jahrgangsstufe 7 bis hin zu jungen Erwachsenen festgelegt. Darüber hinaus spielte bei der Konzeption der Faktor der kurzen Projektlaufzeit von acht Monaten eine elementare Rolle. Das Spiel musste also rasch umsetzbar sein. Gestaltet in der sogenannten Pixelart (8-bit Grafik) ist unter dem Namen “Artefact Odyssey” in kurzer Zeit ein Spiel entstanden, das mittels Minigames – also kurzen Spielen – die Forschung an den Artefakten des Museums Witzenhausen nachempfindet. Spielende können den Charakter Pangolini, ein Schuppentier (Pangolin), das Provenienzforschung betreibt, durch ein fiktives Gebäude steuern. Dabei sind verschiedene Räume und Bereiche des Gebäudes verschiedenen Minigames und Funktionen zugeordnet, zu denen die Spielenden Pangolini steuern können.

Jedes Minigame stellt dabei eine Analogie zu einer Aufgabe der Provenienzforschung und des Museums dar – von der Akquise bis zur Archivierung. Das Suchen von Artefakten im Depot ist beispielsweise ein Sokoban: Kisten müssen zu einem Zielpunkt geschoben werden. Die Herausforderung besteht darin, dass die spielenden Personen die Kisten immer nur in eine Richtung schieben und nicht ziehen können, um ihren Zielpunkt zu erreichen. Das erfolgreiche Absolvieren der Spiele schaltet dabei jeweils die darauffolgenden Level sowie die Provenienzgeschichte des Objektes oder vertiefende Informationen frei. So können die Nutzer:innen neben der kurzweiligen Unterhaltung auch Hintergrundinformationen über die deutsche Kolonialgeschichte, Jagd in den Kolonien und Provenienzforschung erwerben und ihr geschichtliches Wissen vertiefen. 

Damit die Spielenden nicht durch lange Texte im Spielfluss gestört werden, wurde für die umfassenden Hintergrundinformationen eine virtuelle, fiktive Bibliothek im Gebäude des Spiels gestaltet. Dorthin kann die Figur Pangolini bewegt werden, um vertiefende Informationen abzurufen. Neben kurzen Textpassagen beispielsweise darüber, was die „Schutztruppe“ war oder was im Maji-Maji-Krieg (1905-1907) im heutigen Tansania passierte, können zur Visualisierung auch historische Karten, Fotos oder Quellen wie die Schülerakten oder die Schulzeitung der Kolonialschule Witzenhausen aufgerufen werden. Die Trophäen, die in den Minispielen untersucht werden, werden außerdem in einem Ausstellungsraum des Gebäudes freigeschaltet, wenn Minispiele erfolgreich absolviert wurden. Hier können die Spielenden sich die im HokBit Projekt gescannten Objekte in 3-D genau anschauen, die sich visuell deutlich von der 8-Bit-Umgebung abheben. 

Das Spiel ist an einem Aufsteller und demnächst auch online spielbar (Link folgt). Der Aufsteller stand im 3D Lab der Universitätsbibliothek Kassel und wurde im Mai 2025 ins Museum Witzenhausen umgezogen. Die Gestaltung des Aufstellers ähnelt einem Arcade Automaten: Auf einem großen Touchpad wird das Spiel bedient, auf einem am Kopf eingelassenen 3D-Monitor wird der 3D-Scan des aktuell bespielten Objektes sichtbar. 

Zusätzlich zu dem digitalen wurde ein materiales Spiel konzipiert: Ein klassisches Trumpfquartett aus eben jenen tierlichen Objekten des Museums kann zum Selbstkostenpreis erworben werden. Neben Angaben zum Objekt selbst enthalten die Karten auch Informationen zur entsprechenden Tierart, beispielsweise zum Bedrohungsstatus laut Roter Liste oder zur Provenienz des Objektes.

Das Freispielen der Inhalte im Game motiviert zu einer vertiefenden Auseinandersetzung ebenso wie das Quartett, welches als spielerischer Aufhänger außerschulische Lern- und Reflexionsprozesse anstoßen kann. Durch beide Spiele können sich Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene dem Thema mit Neugier nähern und gleichzeitig einen kritischen Blick für die Objekte sowie deren teils schwierige Provenienzen entwickeln. Nach einem möglichen ersten Kontakt durch den Aufsteller im Museum kann das Game bald auch auf dem Smartphone (weiter)gespielt werden und dann auch zu einem Museumsbesuch motivieren. Wie viele Abenteurer:innen sich letztlich mit den Trophäen aus Witzenhausen beschäftigen werden, bleibt noch abzuwarten und zu evaluieren.

Die Projektbeteiligten waren Claudia Martin-Konle, Arvid Deppe, Maximilian Preuss, Marion Hulverscheidt, Linda-J. Knop und Stephanie Kehm von der Universität Kassel sowie Lennert Raesch, Thorsten Brand, Filip Dippel, Jake Adams und Thomas Klimek von the brothers grimm UG, mit Unterstützung von Christian Hülsebusch und Ute Dietrich vom Deutschen Institut für tropische und subtropische Landwirtschaft GmbH (DITSL). 

Zum Projekt

Zur Online-Plattform DORIS

Innerhalb des Projektes konnten wir feststellen, dass die Befassung mit diesen Objekten einen fruchtbaren Zugang zur Aufarbeitung des europäischen Kolonialismus birgt. Trophäen kolonialer Jagd können verschiedene Zeugnisse ablegen: über die an der Jagd Beteiligten, über die Biodiversität, über Präparationstechniken, Tier-Mensch-Verhältnisse, Sammlungspraktiken und Erinnerungskultur. Gefördert vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste werden nun im Folgeprojekt „Zwischen Ratlosigkeit, Triumph und Scham. Provenienzen und Trajektorien von Trophäen kolonialer Jagd in deutschen Museen“ grundlegende Fragen zur Sammlungspraxis von Jagdtrophäen formuliert.

Folgeprojekt: https://bewilderment.hypotheses.org oder https://www.uni-kassel.de/go/bewilderment

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Screenshot des Computerspiels "Artefact Odyssey"