Drei Personen sitzen unter der Projektion einer Präsentation.
Koloniale Kontexte

Eine Publikation für die Praxis, aber auch ein Plädoyer

Der neue Leitfaden „Koloniale Kontexte in Bibliotheken“ bietet notwendige Orientierungshilfe. Vorgestellt wurde er in der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin.
Andreas Bohne

Den Macher:innen des neuen Leitfadens „Koloniale Kontexte in Bibliotheken“ lässt sich gewiss nicht vorwerfen zu wenig Werbung für ihr Werk gemacht zu haben. Nachdem die Veröffentlichung quasi druckwarm, zumal bisher lediglich in digitaler Version, erschienen ist und auf der BiblioCon bereits ihre Premiere in Form einer Preview gefeiert hat, stehen jetzt weitere Vorstellungen an. 

Auch eine hybride Vorstellung im Rahmen der „UBimPulse“-Vortragsreihe am 29.06.2026 zeigte das hohe Interesse von Bibliotheksmitarbeiter:innen und Provenienzforscher:innen. Dass der neue Leitfaden kein Werk einer einzelnen Person ist, sondern von der Fachexpertise vieler Autor:innen profitiert, wurde nicht nur sichtbar als fünf Personen auf den roten Sesseln Platz nahmen. Denn das „geistige“ Netzwerk der Beitragenden ist deutlich größer, wie Julia Zenker einführend betont: 19 Autor:innen aus Wissenschaft und Bibliothekswesen; 22 Fachreviewer:innen und 8 Diskussionspartner:innen, darunter Bibliotheksleiter:innen von vier Goethe-Instituten wie Senegal und Thailand, standen mit Rat und Tat zur Seite. Der Leitfaden baut auf Diskussionen auf, die im Rahmen mehrerer vorangegangener Veranstaltungen und Workshops zu einzelnen Aspekten geführt wurden. 

Die Relevanz des Leitfadens wird schnell mehr als deutlich, adressiert er nach Zenker drei Ebenen mit denen Bibliotheken konfrontiert sind: a) Wissensbestände, die während der Kolonialzeit angeschafft wurden, b) Bücher und Drucke, die als Sammlungsgut aus den ehemaligen Kolonien in die Bestände gelangten, und c) vielfältige Primär und Sekundärliteratur zu Auseinandersetzungen über den Kolonialismus. Entsprechend divers sind die „Grade der Betroffenheit“: Forschende, Nachfahren von Beforschten, Angehörige einer Gruppe, über die geschrieben wurde oder von Rassismus betroffene Menschen. Und nur auf Bücher oder Drucke zu schauen, greift zu kurz: In Bibliotheken finden sich Fotografien, Filme, Tonaufnahmen und Archivmaterial, wie im Rahmen der Vorstellung ebenfalls betont wurde.

Die Vorstellung erfolgte in verständlicher, wenn auch wenig innovativer Weise entlang der Kapitelstruktur des Leitfadens. „Koloniale Kontexte in Bibliotheken“, „Provenienzforschung“, „Bestandspräsentation“, „Erwerbung“, „Metadaten“ wurden nacheinander in Form kurzer Schlaglichter chronologisch vorgestellt. Oftmals wurden die dahinterliegenden Leitfragen formuliert, jedoch nur selten Beispiele, wie insbesondere von Lars Müller zu Provenienzforschung, zur Illustration herangezogen. Dazu zählten eine 1868 gestohlene Bibel aus Maqdala in Äthiopien, die später restituiert wurde, die bekannte „Witbooi-Bibel“ aus dem Linden-Museum oder die in deutschen Bibliotheken liegenden Papyri – Fälle die unterstreichen, dass politisch umstrittene Thema „Restitution“ auch für Bibliotheken eine entscheidende Rolle spielt.

Praktische Hilfestellungen wurden im Vortrag – schon aus Zeitmangel – weniger genannt, wenn sie aber erwähnt werden, zeigen sie das Potenzial des Leitfadens auf. So etwa als Julia Zenker die juristischen Unwägbarkeiten (Urheberrecht, Ungleichbehandlung, Datenschutz) anreißt. 

Offen wurden in dem kurzen Rahmen die Grenzen benannt: Nicht alle Bibliotheken können alles sammeln; Wie können Publikationen bspw. afrikanischer Verlage erworben werden, wie sieht es mit kritischer Literatur aus, die nicht in Deutsch oder Englisch verfasst wurde und wie geht man mit „Abgaben“ um – ein Thema was nicht zwangsläufig mit dem „Ent-Sammeln“ in den Museen verglichen werden kann. 

Im Leitfaden selbst werden alle Kapitel mit Handlungsempfehlungen abgerundet, die jedoch manchmal allgemein erscheinen. Wenn zum Beispiel proaktive Ansprache für eine Kooperation angeregt wird, wären exemplarische Hinweise auf Institutionen, Lehrstühle, Dachverbände sinnvoll gewesen. Dennoch regen die Empfehlungen vor allem für Prozesse und Reflexionen an und geben Impulse, die machbar erscheinen. Wie Lars Müller richtig betont, stellen Erstchecks ein probates Mittel für die erste Untersuchung von Beständen dar.

Immer wieder wurden Vergleiche herangezogen: Die Provenienzforschung zur NS-Diktatur ist in Bibliotheken etabliert, zu kolonialen Kontexten „stehen wir noch am Anfang“ so Müller. Auch Zenker verwies zwar auf die Vorreiterrolle von Museen, z.B. bei der Erstellung von Leitfäden und Hilfestellungen, während Moritz Strickert betonte, dass bei Verschlagwortung, Metadaten oder Datenbanken gerade die „Bibliotheken hier gut aufgestellt sind“. Die Vergleiche dienten nicht der Abgrenzung, sondern eröffneten Raum für „Gegenseitig-lernen“ und „Gegenseitig-befruchten“. 

Uneindeutig beantwortet blieb die im Raum stehende Frage, wen der Leitfaden adressiert? Zum einen ist durch die vorliegende deutsche Version der Kreis potentieller Leser:innen sehr begrenzt und richtete sich – dies auch dem Setting der Veranstaltung geschuldet – zunächst an Mitarbeiter:innen deutscher Bibliotheken. Dass ist legitim, widerspricht aber ein wenig dem oftmals geäußerten Anspruch mit Vertreter:innen von Herkunftsgesellschaften und dem sogenannten Globalen Süden in Austausch zu treten. Auch fehlen Verweise auf bestehende Kooperationen, die hierfür Anregung bieten könnten. Allerdings ist zu erwarten, dass sich mit der englischen Version, die im Herbst vorliegen soll, auch der Adressat:innenkreis erweitert. 

Aber auch aus anderem Grund erscheinen Mitarbeitende von öffentlichen Bibliotheken als primäre Adressant:innen zu eng gefasst, sollten doch gerade ebenso Museen mit ihren eigenen Hausbibliotheken mit frühen (Kolonial)Beständen adressiert werden. Gerade weil im Rahmen der Veranstaltung wiederholt auf die „Vorreiterrolle“ der Museen hingewiesen wurde, dürften auch sie eine wichtige Zielgruppe sein. Die Diskussionen um Verschlagwortung, falsche und rassistische Zuschreibungen oder Datenbanken stellen sich dort in gleicher Weise. 

Hervorzuheben ist der mehrfach vorgetragene Bedarf, migrantisch-diasporische Gruppen einzubeziehen und auf ihre Expertise in der Anlage eigener Bibliotheken heranzutreten, um einen diversen Buchbestand aufzubauen. Dabei sollten auch Bibliotheken etwa von internationalistischen Initiativen wie der „Dritte-Welt und Solidaritäts-Bewegung“ nicht außer Acht gelassen werden, die sich seit langem mit Unterdrückung und Kolonialismus auseinandersetzen und über umfangreiche Bestände sogenannter Grauer Literatur verfügen.

Gemeinsame Herausgeber:innen des Leitfadens sind der Deutsche Bibliotheksverband e. V. (dbv) und die Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare. Wer fehlt ist die Schweiz, was schade ist. Das Abdecken mehrerer deutschsprachiger Länder wäre zu begrüßen.

Letztendlich ist die politische Relevanz des Leitfadens hervorzuheben: In einer Zeit, in welcher sowohl die Aufarbeitung des Kolonialismus ins Hintertreffen gerät als auch öffentliche und universitäre Bibliotheken unter Austeritätszwängen stehen – und ihnen dringend benötigte Mittel für Anschaffung, Ausbau und Erweiterung verwehrt werden –, wendet sich eine weitere Akteursgruppe der kritischen Aufarbeitung zu. Daher fällt immer wieder an dem Tag das Wort „Plädoyer“: für die stärkere Vernetzung mit communities, für Investitionen, für selbstkritische Aufarbeitung, für die politische Arbeit.

Daher bleibt zu hoffen, dass der Leitfaden nicht nur von öffentlich finanzierten Bibliotheken aufgegriffen wird, sondern auch interessierte Bibliotheksnutzer:innen und Privatpersonen erreicht, die sich von vermeintlichen „Triggerwörtern“ wie Postkolonialismus nicht abschrecken lassen.

Die Publikation „Koloniale Kontexte in Bibliotheken. Ein Leitfaden“ kann kostenfrei unter https://edoc.hu-berlin.de/items/57ddf897-50e1-43e9-ac59-85e3f84a2199 heruntergeladen werden. Eine Druckfassung folgt im Sommer. Eine englischsprachige Fassung soll im Herbst vorliegen.

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Titelblatt des Leitfadens „Koloniale Kontexte in Bibliotheken“