Blick in eine Ausstellung
NS-Raubgut

Von Lovis Corinth bis Max Ernst

Zwei Ausstellungen in Berlin zeigen, welche Horizonte die Provenienzforschung auch Museumsbesucher:innen eröffnet.
Gilbert Lupfer

War es geschickte Programmregie, war es purer Zufall oder liegt die Thematik einfach in der Luft? Jedenfalls bauen derzeit, unabhängig voneinander, zwei Ausstellungen der Staatlichen Museen zu Berlin auf Ergebnissen von Provenienzforschung und auf der Arbeit des Zentralarchivs der Berliner Museen auf. Letzteres nennt sich selbst „historisches Gedächtnis der Museen“, doch ist seine Bedeutung noch viel größer, stellt es doch einen für die internationale Provenienzforschung bedeutenden Fundus zur Verfügung.

Die beiden Ausstellungen sind jedenfalls eindrucksvolle Belege für den öffentlichen Nutzen des Zentralarchivs, der weit über die Verwahrung und Erschließung von Quellen hinausreicht. Man sieht darüber hinaus in den beiden Berliner Nationalgalerien, wozu Provenienzforschung in der Lage sein kann: Sie gewinnt, beispielsweise, mannigfaltige Erkenntnisse über die Wanderung von Kunstwerken und über die Verknüpfung von Objekt- und Personenbiografien. Die beiden Ausstellungen sind nicht aufeinander bezogen, von der Konzeption und der Gestaltung her völlig unterschiedlich, haben aber dieselbe methodische Basis. Werden wir konkreter:

Die Alte Nationalgalerie auf der Museumsinsel zeigt „Im Visier! Lovis Corinth, die Nationalgalerie und die Aktion ‚Entartete Kunst‘“, konzipiert anlässlich des 100. Todestages Corinths von Dieter Scholz, kuratiert zusammen mit Andreas Schallhorn vom Kupferstichkabinett sowie mit Sven Haase und Petra Winter vom Zentralarchiv. Die Schau präsentiert zuvorderst den mehr als 20 Ölgemälde umfassenden, bedeutenden Bestand der Nationalgalerie an Werken des 1858 geborenen und 1925 gestorbenen Malers und Grafikers. Diese Präsentation geschieht nicht in Form einer ästhetischen Blütenlese oder einer kunsthistorischen Werkanalyse: „In den Blick genommen werden vielmehr die unterschiedlichen Wege der Bilder.“ (Begleitbroschüre, S.13).

Zu jedem einzelnen wird auf der Beschilderung genau notiert, wann und auf welchem Weg es in die Nationalgalerie gekommen ist und gegebenenfalls, wann und warum es diese wieder verlassen hat. Dreh- und Angelpunkt ist die Aktion „Entartete Kunst“ (1937), bei der der Großteil des Corinth-Bestandes der Nationalgalerie (und auch Werke vieler anderer Künstler) beschlagnahmt wurde, vor allem seine expressiven Arbeiten der 1910er und 1920er Jahre. Manche Bilder kehrten nach Ende der NS-Diffamierungsausstellung „entarteter“ Kunst zurück, andere wurden verscherbelt, etwa bei der legendären 1939er-Auktion bei Fischer in Luzern, wieder andere schließlich sind verschollen.

Zu sehen sind auch die Bilder, die nicht mehr in Berlin beheimatet sind: als fotografische Reproduktionen in Originalgröße, aber in ihrer Materialität nicht mit dem Original zu verwechseln. Verschollene Werke sind als schwarz-weiße Reproduktionen repräsentiert, die heute andernorts befindlichen als Farbreproduktionen. Lücken im Bestand werden also kenntlich gemacht, wenn auch nicht durch eine Leerstelle oder einen leeren Rahmen an der Wand. Die Ausstellung erlaubt dem Besucher verschiedene Lesarten: eine Tour vorbei an Meisterwerken des Künstlers, eine Tour entlang ihrer manchmal verschlungenen Pfade, oder eine Tour durch ein gutes Jahrhundert Geschichte der Nationalgalerie.

Zu den Exponaten zählen auch ein paar Arbeiten von Corinths heute weniger bekannter Ehefrau Charlotte Behrendt-Corinth, selbst eine erfolgreiche Künstlerin. Dazu zählt ihre „Ansicht von Toledo“ aus dem Jahr 1925. Diese war 1929 vom preußischen Kultusministerium zur Schmückung eines Amtszimmers angekauft worden. In der NS-Zeit wurde das Bild, als Werk einer jüdischen Künstlerin, entfernt und der Nationalgalerie zur Verwahrung übergeben – wo es glücklicherweise die folgenden Wirren überstand.  

Auch in der Neuen Nationalgalerie geht es um Wege und Schicksale von Kunstwerken, aber unter ganz anderen Fragestellungen. „Max Ernst bis Dorothea Tanning. Netzwerke des Surrealismus“ lautet der griffige Titel der Kabinettsausstellung, die auf den Ergebnissen der Provenienzforschung zur Sammlung Pietzsch basiert. Ulla und Heinrich Pietzsch hatten 2010 ihre bedeutende Sammlung surrealistischer Kunst dem Land Berlin geschenkt. Von rund 100 vor dem Jahr 1945 entstandenen Werken wurde in den letzten Jahren die Herkunft genauer untersucht. Erfreulicherweise kamen dabei keine spektakulären Raubkunstfälle ans Licht (die bei surrealistischer Kunst sowieso eher selten sind). Laut Lisa Hackmann, im Zentralarchiv zuständig für die Provenienzforschung zur Sammlung Pietzsch und zusammen mit Sven Haase (Zentralarchiv) und Maike Steinkamp (Neue Nationalgalerie) Kuratorin der Ausstellung, gab es seinerzeit nur in einem Fall einen verfolgungsbedingten Verlust: André Massons „Der Jäger“, das 1938 durch den Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR) in Paris aus der Sammlung Alphonse Kann beschlagnahmt, jedoch bereits 1947 restituiert wurde. In einigen Fällen bleiben Provenienzlücken, jedoch ohne konkrete Verdachtsmomente.

Doch der wissenschaftliche Ertrag der Provenienzforschung ist trotzdem beachtlich und wird nun konzentriert präsentiert. Im Untergeschoss der Neuen Nationalgalerie entfaltet sich ein dichtes Geflecht von Bewegungen in der unruhigen Zeit der 1920er bis 1940er Jahre – Wanderungen und Reisen von Künstlern wie von Werken. Viele, aber nicht alle, waren durch die Zuspitzung der politischen Verhältnisse in Europa verursacht. Die Kuratorin Lisa Hackmann dazu in der Begleitbroschüre: „Die Provenienzforschung … förderte eine zentrale Erkenntnis zutage: insbesondere die 1920er und 1930er Jahre waren durch informelle Beziehungen stark geprägt. Die Zirkulation von Arbeit zwischen den befreundeten Schriftsteller*innen und Künstler*innen war äußerst dynamisch, ständig gingen Bilder aus einem Besitz in den anderen über.“ (S.14).

Nachvollziehen lässt sich dieser lebhafte Austausch besonders gut auf den Rückseiten der Gemälde, anhand von Etiketten, Aufklebern, Markierungen, Beschriftungen. Es ist ein Verdienst dieser Ausstellung, einige Gemälde so im Raum zu präsentieren, dass Vorder- wie Rückseiten sichtbar sind. Lobenswert ist auch die detaillierte, aber trotzdem übersichtliche Darstellung der Provenienzen auf den Labels – das wünscht man sich als musealen Standard.

Auch hier, wie bei Corinth in der Alten Nationalgalerie, handelt es sich um eine Präsentation, die mehrere Lesarten erlaubt: für Kunst-Connaisseure ein Spaziergang vorbei an Highlights, für Surrealismus-Freunde eine komprimierte Geschichte dieser Strömung, und für diejenigen, die an den schillernden Akteuren des Surrealismus interessiert sind, werden neue Erkenntnisse über Netzwerke und Kollaborationen gezeigt.  

Summa summarum: zwei sehenswerte Ausstellungen, selbst wenn man sich weder für Lovis Corinth noch für den Surrealismus begeistern sollte. Sie demonstrieren, welche spannenden Horizonte Provenienzforschung – über die unverzichtbare Aufklärung von Fällen historischen Unrechts hinaus – eröffnen kann und welchen zentralen Platz sie in der wissenschaftlichen Museumsarbeit einnimmt.        

Die Ausstellungen

Alte Nationalgalerie Berlin: „Im Visier! Lovis Corinth, die Nationalgalerie und die Aktion „Entartete Kunst‘“, noch bis 25.1.2026. Dazu gibt es eine Begleitpublikation gleichen Titels, hgg. von Dieter Scholz, Berlin 2025. Mehr Infos finden Sie hier.

Neue Nationalgalerie Berlin: „Max Ernst bis Dorothea Tanning. Netzwerke des Surrealismus. Provenienzen der Sammlung Ulla und Heiner Pietzsch“, zu sehen bis 1.3.2026. Auch hierzu ist eine Begleitpublikation gleichen Titels erschienen, hgg. von Lisa Hackmann und Sara Sophie Biver, Berlin 2025. Mehr Infos finden Sie hier.

1 von 5
Ausstellungsansicht „Max Ernst bis Dorothea Tanning: Netzwerke des Surrealismus. Provenienzen der Sammlung Ulla und Heiner Pietzsch", Neue Nationalgalerie 2025