Grafik Data Platform der ORA
Koloniale Kontexte

Wir nennen es „Journeys“

Open Restitution Africa (ORA) erzählt Restitution als panafrikanischen Prozess des Erinnerns, Forschens und digitalen Teilens von Wissen – ein Interview.
Andreas Bohne

Open Restitution Africa (ORA) ist eine panafrikanische, von Frauen geführte Organisation, die sich der Sammlung und Verbreitung von Informationen über die Rückgabe afrikanischer Kulturgüter und menschlicher Überreste widmet. ORA nutzt eine Vielzahl methodischer Instrumente wie Webinare, Videos und Podcasts und präsentiert in Zusammenarbeit mit afrikanischen Wissenschaftler:innen exemplarische Fallstudien zur Restitution. Die vielfältige Dokumentation von ORA wird durch eine „Open-Data-Plattform“ ergänzt, die im April 2026 veröffentlicht wurde.

Andreas Bohne (Deutsches Zentrum Kulturgutverluste) sprach mit Chao Tayiana Maina und Karen Ijumba über die neue Plattform und ihre Ziele. Chao Tayiana Maina ist eine kenianische Historikerin und Spezialistin für digitales Kulturerbe mit Fachkenntnissen an der Schnittstelle von Erinnerung, Digital Humanities und öffentlicher Bildung. Sie ist Mitbegründerin von Open Restitution Africa. Karen Ijumba ist Senior Researcher bei Open Restitution Africa und befasst sich mit Forschung, Kultur, Kreativität und digitalem Wissensmanagement.

Ihre „Open-Data-Plattform“ wurde am 31. März 2026 gestartet. Können Sie uns mehr über deren Struktur, Zweck und Nutzung erzählen? Und an wen richtet sich Ihr Angebot?

Chao Tayiana Maina (CTM): Unsere „Open-Data-Plattform“ ist im Wesentlichen ein zentraler, frei zugänglicher Raum für Restitutionsprozesse – oder besser gesagt für das, was wir als „Journeys“ bezeichnen. Aus unserer Sicht ist dies ein sehr wichtiger Unterschied, da oft angenommen wird, dass es bei dem Projekt um Bestandsaufnahmen oder Provenienz geht. Was wir jedoch wirklich herausarbeiten wollten, sind die Strategien: Welche Anstrengungen unternehmen Afrikaner:innen im Bereich der Restitution? Und wie verwandeln wir diese Strategien, Anstrengungen und dieses Wissen in Erkenntnisse, die Menschen nutzen können? Wenn wir an Restitution denken, denken wir oft an die Entnahme und den Abtransport von Objekten und Habseligkeiten sowie an deren Rückgabe. Fragt man die Menschen jedoch, was ihrer Meinung nach dazwischen geschieht, gibt es weniger Klarheit und viel weniger Informationen darüber, was der Restitutionsprozess beinhaltet. Das ist der Fokus unserer Datenbank. Es ist keine Datenbank über Objekte an sich, sondern über Menschen und Prozesse.
Die Plattform umfasst vier Hauptkomponenten: erstens Fallstudien mit detaillierten Berichten über einzelne Restitutionsprozesse, die Chronologie und die Verläufe. Die zweite Komponente ist das, was wir als „Visualisierung der Restitutionsverläufe“ bezeichnen. Diese bietet einen Überblick über 25 Fallstudien zur Restitution. Diese Visualisierung ist sehr wichtig, denn wir möchten mit unseren Daten mögliche Parallelen zwischen den verschiedenen Restitutionsverläufen aufzeigen. Zum Beispiel, inwieweit Ereignisse in Tansania gleichzeitig zu einem Fall in Kenia oder Kamerun stattfinden. Dieses Tool visualisiert genau solche Prozesse. Das dritte Tool ist ein Dashboard zur Datenvisualisierung. Es enthält zahlreiche Grafiken und stützt sich auf Erkenntnisse aus mehreren Fallstudien. Es liefert Kontextinformationen: Was fordern Afrikaner:innen eigentlich in Bezug auf Restitution? Wer ist beteiligt? In welchem Zusammenhang steht dies mit dem größeren Kontext? Wie lange hat es gedauert? Und schließlich ist die vierte Komponente ein KI-gestütztes Tool. Es handelt sich um ein geschlossenes Korpus oder ein kleines Sprachmodell (small language model). Wir haben es ausschließlich mit unseren eigenen Daten trainiert. Es handelt sich also nicht nur um Daten aus Fallstudien, sondern auch um Informationen aus unseren Webinaren, Podcasts, Interviews und Berichten.

 

Sie beziehen sich also auf die 25 bestehenden Restitutionsfälle, die bereits auf der Website aufgeführt sind?

Karen Ijumba (KI): Es handelt sich um dieselben Fallstudien. Wir haben die Informationen jedoch erweitert und weitere Filterkriterien hinzugefügt. Als wir die Fallstudien zum ersten Mal veröffentlichten, lag unser Hauptaugenmerk darauf, die Geschichte jedes einzelnen Falls zu erzählen, damit sich die Menschen mit ihm vertraut machen konnten. Jetzt kann jemand auf die Plattform kommen und sagen: „Ich suche speziell nach einer Fallstudie aus Kamerun, Kenia oder Namibia“ oder „Ich suche nach einer, die sich auf ‚Begriffe‘, ‚Besitztümer‘ oder Vorfahren bezieht.“ Man kann auch nach den Strategien filtern, die die Menschen angewendet haben. Haben sie auf Zusammenarbeit gesetzt? Handelte es sich um eine von der Regierung geleitete Restitution? Und durch diese Filterung kann man bestimmte Beispiele identifizieren, die einen vielleicht am meisten ansprechen. In die exemplarischen Fälle selbst haben wir dann Informationen zu den Rahmenbedingungen aufgenommen, die bestimmte Prozesse beeinflussten, sowie eine weitergehende Erörterung der Herausforderungen und Durchbrüche. Früher handelte es sich im Wesentlichen um eine chronologische Darstellung, doch nun geht der Inhalt tiefer auf die Nuancen und Komplexitäten ein.

 

Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste ist eine Einrichtung, die eigene Datenbanken betreibt und die Ergebnisse ihrer Forschung öffentlich zugänglich macht. Die größte Herausforderung für uns bestand darin, Forschung als einen Prozess sichtbar zu machen, der niemals abgeschlossen ist und aus vielen verschiedenen Perspektiven und Informationen besteht. Wie habt Ihr das gelöst? Wie wollt Ihr in Zukunft auf dem Laufenden bleiben? 

CTM: Diese Plattform markiert den Abschluss unseres Projekts. Wir betrachten es als eine Weitergabe der Werkzeuge an die Community. Was also Ihre Frage betrifft, wie dies in Zukunft aktualisiert wird: Wir hoffen, dass die Menschen diese Daten als Grundlage für ihre eigenen Restitutionsprozesse und Fragestellungen nutzen. Zu Ihrer Frage, wie die Vielfalt der Prozesse und Narrative visualisiert werden kann: Wir machen sehr deutlich, dass die Forschung und die Fallstudien sehr spezifisch sind für den Werdegang der Forscher:innen, die Informationen, über die sie zu diesem Zeitpunkt verfügten, den Kontext, in dem sie arbeiten, und den Ort, an dem sie sich befinden. Wir haben eine ausdrückliche Erklärung, die die Menschen dazu ermutigt, sich andere Quellen anzusehen. Wir machen auch die Methodik der Forscher:innen deutlich und wie sie an ihre jeweilige Fallstudie herangegangen sind. Ich denke, es geht eher darum, darauf hinzuweisen, dass Restitution sich ständig verändert und von verschiedenen Menschen unterschiedlich erlebt wird.

KI: Wir präsentieren qualitative und stark perspektivorientierte Forschungsergebnisse, wobei auch der Kontext eine zentrale Rolle spielt. Perspektiven stehen im Mittelpunkt unserer Wissensproduktion. Dies spiegelt sich in unserem Forschungsansatz wider, der sich auf Fallstudien, Oral History und die Methodik der Grounded Theory stützt. Darüber hinaus macht unsere Datenplattform alle von den einzelnen Forscher:innen verwendeten Quellen sichtbar, und wir legen großen Wert auf Transparenz.
Ich möchte Ihnen zwei Fallstudien aus Nigeria als Beispiele nennen, die sich beide mit den Benin-Bronzen befassen. Eine konzentrierte sich auf die beiden königlichen Hocker und beleuchtete vor allem die Reise aus der Perspektive des Königspalasts des Oba von Benin. Die andere befasste sich eher mit der nationalen Strategie zur Rückführung vieler der über verschiedene Institutionen verstreuten Stücke. Und die Art und Weise, wie diese beiden diese Geschichte erzählen, ist bereits sehr unterschiedlich. Die befragten Personen waren ähnlich, aber die verwendeten Quellen und die nachgezeichneten Wege unterschieden sich. Ich denke also, dass in unseren Daten stets das Verständnis mitschwingt, dass es Macht und Wissen gibt, aber auch Perspektiven und Erkenntnisse. Deshalb ermutigen wir die Menschen ständig, sich ihre eigenen Meinungen zu bilden. Wir halten das für einen besseren Ansatz bei dieser Forschung anstatt zu sagen: „Das ist die endgültige Tatsache.“

CTM: Die Plattform ist jedoch nicht unser einziges Ergebnis. Wir haben zahlreiche Gespräche und Interviews mit afrikanischen Restitutionsfachleuten, Künstler:innen und Museumsmitarbeiter:innen geführt. Wir haben einen Podcast und eine Reihe von Webinaren produziert. Wir haben Erklärvideos für die breite Öffentlichkeit erstellt. Und für uns war das wirklich eine ganz besondere Erfahrung. Man kann nur die verschiedenen Samen des Wissens säen und hoffen, dass sie wachsen. Und ich glaube, genau da wurde die Komplexität wirklich deutlich.

 

Die Debatte um „Rückführung“ und „Rückgabe“ wird oft von Gemeinschaften und Nachkommen derjenigen vorangetrieben, die vom Kolonialismus und der Plünderung von Kulturgütern betroffen waren. Gleichzeitig fällt es vielen von ihnen jedoch schwer, digitale Dienste zu nutzen, sei es aufgrund fehlender technischer Infrastruktur oder mangelnder Kenntnisse. Für Sie hingegen ist es sehr wichtig, bei der Verwaltung der Daten die Interessen der Nachfahr:innen und der sogenannten Herkunftsgemeinschaften zu berücksichtigen. Wie stellen Sie Zugang und Inklusion sicher?

KI: Ich denke, das Wichtigste ist die Plattform selbst. Es wurde viel Arbeit investiert, um sicherzustellen, dass die Plattform über mobile Geräte zugänglich ist. Ich halte das also für eine entscheidende Maßnahme – geringe Bandbreite und Barrierefreiheit. Aber ich denke, eine der wichtigsten Erkenntnisse, die wir insbesondere bei der Community of Practice gewonnen haben, ist, dass viele Menschen verschiedene Rollen einnehmen. So kann jemand beispielsweise Museumsdirektor sein, aber gleichzeitig aus einem kommunalen oder akademischen Umfeld stammen oder dort tätig sein. Indem sich Menschen physisch zwischen diesen Bereichen und Sphären bewegen und austauschen, wird auch das Wissen weitergegeben.

CTM: Von Anfang an war es uns sehr wichtig, herauszufinden, für wen genau diese Plattform gedacht ist. Dahinter steht die Überlegung, dass man, wenn man versucht, alle anzusprechen, am Ende niemanden anspricht. Deshalb haben wir einen Prozess zur Nutzerkartierung durchgeführt, um herauszufinden, für wen wir dieses Tool entwickeln. Zunächst wurde uns klar, dass Afrikaner:innen oft mehrere Rollen einnehmen, da die Restitutionsarbeit nicht institutionalisiert ist – die Menschen sind also in einer Vielzahl von Bereichen aktiv. Zweitens fragten wir uns, wie dies die Gestaltung dieser Plattform beeinflussen könnte, um Personen anzusprechen, die dann verschiedene Informationskanäle über unterschiedliche Netzwerke hinweg aktivieren können. Unsere primären Zielgruppen waren daher Community-Aktivist:innen – Menschen, die als Vermittler und Vertreter fungieren und in erster Linie direkt mit oder innerhalb von Gemeinschaften arbeiten. Zu den sekundären Zielgruppen gehörten Museumsfachleute, Regierungsmitarbeiter:innen, politische Entscheidungsträger:innen und akademische Forscher:innen. Wie Sie sehen, wollen wir damit nicht sagen, dass die akademische Gemeinschaft nicht unsere Hauptzielgruppe ist, sondern vielmehr, dass wir diese Instrumente vor allem denjenigen zur Verfügung stellen, die sich aktiv vor Ort für die Wiedergutmachung einsetzen.

 

Oft macht die Wortwahl den entscheidenden Unterschied: Sie verwenden anstatt des Begriffes „Repatriierung“, was oftmals für die logistische und rechtliche Überführung, zumeist von menschlichen Überresten verwendet wird, den Begriff „Restitution“, der einen übergreifenden Charakter hat. Wie wollen Sie mit der Datenbank diese Prozesse sichtbar machen?

KI: Es sehen einen Unterschied zwischen Repatriierung und Restitution. Wir haben festgestellt, dass eine Änderung dieser Terminologie bestimmte Aktivitäten stärker in den Fokus rückt. In vielen unserer Fallstudien ging es beispielsweise darum, mit anderen Mitgliedern der Gemeinschaft zu sprechen, um das Bewusstsein für den Verlust eines bestimmten Gegenstands zu schärfen. Dies zeigt, dass oft erst Gespräche oder Verhandlungen unter Afrikaner:innen stattfinden, bevor Kontakt zu einer Institution oder Person aufgenommen wird, die unsere Gegenstände in ihrem Besitz hat. All diese Prozesse bleiben etwas im Verborgenen, wenn wir nur von Repatriierung sprechen.
Wir haben uns auch mit Verhandlungen befasst, insbesondere damit, wie Menschen miteinander über diese Themen sprechen; dabei spielen Einstellungen und Vorurteile eine Rolle. Und dann gibt es noch eine weitere wichtige Kategorie, die wir als „afrikanische Rechenschaftspflicht“ bezeichnet haben. Diese konzentriert sich darauf, wie Afrikaner:innen mit anderen Afrikaner:innen über die Rückgabe sprechen. Es gibt Diskussionen und manchmal Spannungen darüber, wie, wo und zu welchem Zweck materielles Kulturerbe zurückgegeben wird. Der Wert der Rückgabe kann kultureller, spiritueller, wirtschaftlicher, intellektueller Natur sein oder all das zusammen. Es gibt also mehrere Ebenen der Restitution und der damit verbundenen Versöhnung, Wiederherstellung, Wiederverbindung und Wiedergutmachung, die diesen Prozess begleiten und die durch die bloße physische Rückgabe an Staaten, wie sie bei der Repatriierung vorgesehen ist, nicht berücksichtigt werden.

 

Auch wenn Sie gesagt haben, dass Ihr Projekt zu Ende geht: Wie soll Open Restitution Africa in Zukunft bekannt gemacht werden, und wie sollen Gemeinschaften und einzelne Akteur:innen von der Existenz der „Open-Data-Platform“ erfahren? Gibt es eine Werbestrategie?

CTM: Zunächst arbeiten wir an einer Strategie, um diese Tools mit anderen afrikanischen Organisationen zu teilen. Im Idealfall finden wir eine Organisation oder Gruppe, die das gesamte Projekt weiterführen kann. Wir ziehen aber auch Teilbereiche in Betracht. Vielleicht möchte jemand die Daten langfristig veröffentlichen oder eine Kopie hosten. Vielleicht möchte jemand einen Hackathon organisieren. Wir nennen das „Datenaktivierung“. Wir streben eine Zusammenarbeit mit Technologiepartnern und Museen auf dem gesamten Kontinent an. Wir wollen auch mit politisch aktiven Menschen zusammenarbeiten. Deshalb verfolgen wir einen Ansatz, den wir „Community Exit“ nennen. Bei diesem Ansatz arbeiten wir mit Community-Gruppen und Institutionen zusammen und fragen sie, wie diese Daten nützlich sein können, um sie entsprechend zu aktivieren.

 

Wir wollen auch sicherstellen, dass diese Daten an möglichst vielen Orten verfügbar sind. Wie gelangen sie also beispielsweise in Wissensdatenbanken wie Wikipedia? Wir haben so viele Kontextdaten gesammelt, dass manche Wikipedia-Einträge noch lückenhaft sind. Wie können wir also lokale Daten und Datenwissenschaft miteinander verknüpfen? Open Restitution Africa wirbt mit dem Slogan „Von Frauen gegründet“ – warum ist das relevant? Unterscheidet sich der weibliche Ansatz vom männlichen? Woran lässt sich das erkennen oder wie hat sich das in der Entwicklungsphase gezeigt?

CTM: Ich würde sagen, zunächst einmal war der historische Kontext der Restitution weitgehend männlich dominiert, insbesondere aus der Perspektive der Entscheidungsträger, die überwiegend Europäer und überwiegend Männer waren – Wissenschaftler, Museumsdirektoren und so weiter. Und eines unserer frühesten Forschungsergebnisse stammt von meiner Mitbegründerin Molemo Moiloa, die untersuchte, wie oft Afrikaner:innen in der Presse und in der Forschung rund um die afrikanische Restitution zitiert werden. Wir stellten fest, dass die am häufigsten zitierten Perspektiven zur afrikanischen Restitution von europäischen Autor:innen stammten, obwohl afrikanische Wissenschaftler:innen über einen längeren Zeitraum hinweg mehr Material veröffentlicht hatten. Für uns ist es also nicht nur wichtig, dass wir von Frauen gegründet wurden. Es geht darum, dass wir afrikanische Frauen sind, die auf dem Kontinent leben. Und ich halte das auch deshalb für wichtig, weil wir, wenn wir über die Machtverhältnisse nachdenken – insbesondere bei Projekten, die mit Museen und Provenienz zu tun haben –, feststellen, dass ein Großteil der Finanzierung aus Europa stammt; und obwohl diese Finanzierung dringend notwendig und nützlich ist, erfordert sie oft, dass Projekte in Partnerschaft zwischen europäischen und afrikanischen Institutionen durchgeführt werden. Es gab bisher kaum Mittel, damit Afrikaner:innen miteinander sprechen und voneinander lernen können, und genau diese Lücke möchte unser Projekt schließen.

 

Die weltweite Debatte um die Rückgabe von Kulturgütern ist keineswegs neu. Die ersten Forderungen wurden bereits vor hundert Jahren gestellt, und in den 1970er Jahren prägte das Thema die Politik der UNESCO. Danach wurde es wieder still um das Thema – um im letzten Jahrzehnt erneut an Fahrt zu gewinnen. Wie beurteilen Sie die aktuellen Prozesse, und lassen sich Ähnlichkeiten oder Unterschiede zu früheren Wellen feststellen? Glauben Sie, dass der politische Wille diesmal stark genug ist, um das Thema dauerhaft zu verankern?

CTM: Eine Sache, die unsere Daten eindeutig zeigen – wie Sie zu Recht angemerkt haben –, ist, dass die Rückgabebemühungen insbesondere in den 2000er Jahren deutlich zugenommen haben. Der Sarr-Savoy-Bericht zur Rückgabe sowie andere politische Veränderungen in Europa sind in den letzten Jahren bemerkenswert. Wir wollten jedoch auch ganz klar hervorheben, dass Afrikaner:innen eine lange Geschichte der Auseinandersetzung mit dem Thema Rückgabe haben. Selbst wenn man sich die frühen 1900er Jahre ansieht, zeigen unsere Daten – und wir müssen bedenken, dass es sich um eine kleine Stichprobe handelt –, dass zwei oder drei Objekte unmittelbar nach ihrer Beschlagnahmung zurückgefordert wurden. Ich denke, die Daten zeigen eine Zunahme der Aktivitäten in den letzten Jahren, aber sie zeigen auch, dass die Prozesse rund um diese Forderungen schon viel länger als die letzten 20 Jahre andauern.
Ich habe mich gefragt, ob der politische Wille ausreicht, um dies aufrechtzuerhalten, und ich glaube nicht, dass dieser Moment allein vom politischen Willen getrieben wird. Ich denke, die größte Veränderung besteht darin, dass Restitution viel stärker Gegenstand der öffentlichen Debatte ist. Es gibt eine viel stärkere öffentliche Unterstützung und Rechenschaftspflicht. Für mich geht es darum, dies aufzubauen. In den letzten Jahren hat sich ein kritisches Bewusstsein entwickelt. Und ich denke, das ist ein wichtiger Punkt, den man im Hinblick darauf berücksichtigen muss, wie sich digitale Plattformen verändert haben. Ich glaube, dass in einigen Fällen der politische Wille einer kritischen Masse an Bewusstsein und Druck gefolgt ist. Karen kann sicherlich noch detaillierter auf die Forschungsergebnisse eingehen, aber ich glaube, es geht um viel mehr – eine Bewegung, eine kollektive panafrikanische Bewegung und ein gemeinsames Verständnis – als nur um politische Veränderungen.

KI: Was die Zivilgesellschaft und den Bewusstseinswandel betrifft, so ist dies sozusagen der Auslöser für Veränderungen in der öffentlichen Meinung, die wiederum die Sichtweisen der Menschen in den Institutionen verändern. Unsere Daten zeigen beispielsweise, dass mit der Erlangung der politischen Unabhängigkeit der afrikanischen Länder in den 1960er- und 1970er-Jahren die Rückgabebemühungen zunehmend von afrikanischen Staatschefs vorangetrieben wurden. Das Thema wandelt sich also von einer Angelegenheit einer Königsfamilie oder einer Gemeinschaft zu einer nationalen Angelegenheit. Unterschiedliche Perspektiven prägen die Institutionen und wirken sich auf die jeweiligen Gemeinschaften und die Zivilgesellschaft aus. Ich hoffe sehr, dass der derzeitige Druck seitens der betroffenen Gemeinschaften und der Zivilgesellschaft ausreicht, um Veränderungen herbeizuführen. Unsere Dokumentation von Gesetzen, Richtlinien und Rahmenbedingungen hat gezeigt, dass insbesondere in Europa in den letzten zwei bis fünf Jahren die Zahl der Maßnahmen zugenommen hat, die sich mit der Rückgabe befassen – ein Thema, das nicht ignoriert werden kann. 
Ich denke, es wird sich in Wellen entwickeln, aber ich glaube, es ist definitiv etwas, wofür sich mehr Menschen interessieren und womit sie sich beschäftigen. Und vielleicht werden wir jetzt sehen, wie anders diese Diskussion im Vergleich zu vor zehn Jahren aussieht. Aber das ist definitiv die Energie, die wir derzeit spüren.

 

Wenn ich Sie richtig verstehe, dann handelt es sich hauptsächlich um Druck seitens der Zivilgesellschaft. Es gibt jedoch einige Restitutionsausschüsse auf nationaler Ebene, sodass Restitutionsprozesse ausschließlich auf staatlicher Ebene verhandelt werden und nicht mit den Communities. Wie lassen sich diese Spannungen zwischen den Forderungen der Communities und den Verhandlungen auf staatlicher Ebene lösen? 

KI: Ich denke, es gibt zwei sehr unterschiedliche Beispiele. Da fällt mir Kamerun ein, oder genauer das Handeln der kamerunischen Regierung in Deutschland. Sie hat auf einer bestimmten Ebene eingegriffen, weil sie versteht, dass die Gemeinschaften nach deutschem und internationalem Recht nicht direkt mit deutschen Institutionen oder deutschen Bundesländern verhandeln können. Sie hat bestehende Forderungen der Gemeinschaften, wie etwa die Rückgabe von Ngonnso und Tangue, zusammengetragen und fungiert nun als Vermittler zwischen den Gemeinschaften und den deutschen Staaten. Man geht davon aus, dass nach der Rückführung des materiellen Kulturerbes weitere Schritte folgen werden, die Diskussionen über die langfristige Zukunft ermöglichen. 

CTM: Darüber hinaus zeigen unsere Daten eindeutig, dass Rückgaben stattfinden und Fortschritte erzielt werden, wenn Menschen über Grenzen hinweg zusammenarbeiten. Es kommt zu einer deutlichen Veränderung im Tempo der Rückgabeprozesse und in der Definition dessen, was als Erfolg angesehen werden kann – je nach den Erfolgskriterien der jeweiligen Gemeinschaft –, wenn die Beteiligten, d. h. die Gemeinschaft und die Regierung, zusammenarbeiten. Dies zeigt, dass sich bewährte Verfahren aus diesen Diskussions- und Verhandlungsprozessen ergeben. Wir sollten auch nicht davon ausgehen, dass Restitution ein einfacher, klar definierter Prozess sein sollte. Wir sprechen hier von einem langen Zeitraum, in dem Kulturgut verloren ging. Doch mehr noch als die Enteignung dieses Erbes wurden die Gesellschaften, in denen wir leben, durch koloniale Gewalt geprägt und zerrissen. Die Spannungen, Konflikte und Ereignisse im Restitutionsprozess spiegeln dieses historische Erbe wider. Der einzige Weg nach vorne besteht darin, diese Zusammenhänge sichtbar zu machen. Wie wir oft betont haben – und die Daten bestätigen dies –, liegt der Großteil der Arbeit bei der Restitution auf afrikanischer Seite: also die Arbeit der Reintegration, die Verhandlungen und die Unterstützung der Menschen beim Umgang mit der Rückgabe der Artefakte. Es ist interessant, diese Prozesse sichtbar zu machen. Wir setzen uns aber auch dafür ein, wie wir diese Daten nutzen können, um die Wiedergutmachungsbemühungen für die Betroffenen zu erleichtern und zu vereinfachen. Wie können diese Daten die Politik und die Finanzierung beeinflussen? Wir haben festgestellt, dass die wichtigste Ressource in jedem Restitutionsprozess das Personal ist. Welche Fähigkeiten müssen wir einsetzen? Ich denke, man sollte dies nicht so betrachten, dass es bei der Restitution um eine Entweder-oder-Situation geht, sondern vielmehr um eine „Und“-Situation – das heißt, dass mehrere Akteur:innen und Strategien gleichzeitig zum Einsatz kommen, um verschiedene Dinge zu bewirken.

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Seit über 200 Jahren setzen sich Afrikaner:innen dafür ein, dass ihr Kulturerbe zurückgegeben wird. Die dabei gesammelten Erfahrungen und das gewonnene Fachwissen bilden eine unverzichtbare Wissensgrundlage, um die afrikanische Restitutionsarbeit voranzubringen.