Zwischen Forschung und Unterricht
In den letzten Jahren ist die Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe in der schulischen und außerschulischen Bildungsarbeit deutlich intensiviert worden. Überarbeitete Lehrbücher, Ausstellungen, Workshops und Projekte öffnen zunehmend Räume für kritische Aufarbeitung. Bislang weitgehend unbearbeitet blieb im schulischen Kontext das Thema der menschlichen Überreste, obwohl auch einige Schulsammlungen entsprechende Bestände besitzen und zumindest der Verdacht besteht, dass auch sie aus kolonialen Kontexten stammen könnten.
Mit der vorliegenden Handreichung „Human Remains in Schulsammlungen. Forschung und ethische Auseinandersetzung mit menschlichen Überresten im Schulkontext“ wird erstmals ein Versuch unternommen, diesen sensiblen Aspekt in den Unterricht zu integrieren und Lehrkräfte darin zu unterstützen, gemeinsam mit Schüler:innen Wege der Auseinandersetzung zu finden. Die Handreichung, welche auch den Umgang mit menschlichen Überresten, die während des Nationalsozialismus oder durch medizinische Einrichtungen in Schulen gelangten, wurde von einer Arbeitsgruppe bestehend aus Lara Hemken, Lars Janning, Dr. Antje Nagel, Daniel Bein, Ralph Höger und Dr. Eilin Jopp-van Well im Rahmen des Projekts HUMANS an Hamburger Schulen erstellt. In drei Pilotprojekten forschten Schüler:innen gemeinsam mit Lehrkräften und Wissenschaftler:innen zu menschlichen Überresten aus den Sammlungen ihrer Schulen. Der daraus entstandenen Band bietet Einblicke in wissenschaftliche Diskurse, zeigt Potenziale und Herausforderungen der Partizipation und ermutigt Lehrkräfte, sich gemeinsam mit ihren Klassen dem komplexen Thema zu nähern. Auch wenn die Leitlinien auf den Erfahrungen und Besonderheiten in Hamburger Schulen basieren, können sie als Orientierung dienen und grundsätzlich auch bundesweit Anwendung finden.
Die Relevanz ist gegeben: Etwa 40 Prozent der weiterführenden Schulen der Stadt besitzen menschliche Überreste in ihren Biologiesammlungen. Wie sie in die Sammlungen gelangten, ist meist unklar. Ob aus Nachlässen von Ärzt:innen, über den früher üblichen Lehrmittelbezug oder aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Quellen – oftmals lange unbemerkt, lagerten sie seit vielen Jahren in Kisten, Schränken und Kellern. Was soll nun damit geschehen?
Die Frage lässt sich aus wissenschaftlicher, rechtlicher, ethischer sowie aus schulpädagogischer und didaktischer Perspektive stellen. Die neue Handreichung greift diese Komplexität auf und versammelt Stimmen aus Biologiedidaktik, forensischer Anthropologie, Provenienzforschung, Bildungswissenschaft, Geschichte und Medizingeschichte und ermöglicht so einen interdisziplinären Zugang.
Für die Autor:innen der Handreichung stellten sich folgende Fragen: Wie lässt sich über den Umgang mit menschlichen Überresten sprechen? Wer kann über den zukünftigen Umgang entscheiden, wie können Schüler:innen mitforschen und auch selbst Verantwortung übernehmen, und wie lässt sich ein solch sensibles Thema in den Unterricht integrieren?
In drei Projekten näherten sich Lehrer:innen und Schüler:innen dem Thema menschlicher Überreste aus möglichst vielen verschiedenen Perspektiven an, um dem Umstand gerecht zu werden, dass diese nicht einfach nur Lehrmaterialien sind, sondern in ihrer Bedeutung zwischen Wissenschaft, Geschichte und Ethik changieren. Als Beispiel soll das folgende Projekt dienen.
An der Stadteilschule Stellingen arbeiteten 44 Schüler:innen der zwölften Jahrgangsstufe in zwei Lerngruppen phasenweise mit bis zu vier Wochenstunden ein Schuljahr lang an dem Projekt. Der offene Unterricht, der als Seminar im Fach Biologie organisiert war, war auf konkrete Ergebnisse ausgelegt und führte zu Filmen, Podcasts und einer öffentlichen Schulausstellung. Unterstützt wurde das Projekt durch Besuche einer forensischen Anthropologin und einer Museumsleiterin, die das Projekt um wissenschaftliche Perspektiven erweiterten. Durch Besuche außerschulischer Lernorte, wie dem Medizinhistorischen Museum Hamburg sowie dem Berliner Humboldt-Forum, konnten die Schüler:innen ihr Wissen vertiefen. Die Schüler:innen reflektierten den Umgang mit den Überresten als ethisch anspruchsvolle und verantwortungsvolle Aufgabe. Sie wünschten sich einerseits Klarheit über die Identität der Verstorbenen, andererseits tendierten sie zu einer ablehnenden Haltung gegenüber der Nutzung im Unterricht. Aufgrund der unzureichenden Informationslage fühlten sich beide Lerngruppen nach Abschluss des Projekts nicht in der Lage, eindeutige Empfehlungen für den weiteren Umgang mit menschlichen Überresten abzugeben, sprachen sich aber dafür aus, die Thematik auch in Zukunft mit nachfolgenden Klassen zu besprechen. Das Projekt wurde als Erfolg betrachtet: Besonders die Sozialkompetenzen der Schüler:innen wurden in der offenen Lernform gestärkt und weiterentwickelt. Darüber hinaus bot das Projekt auch den Lehrkräften die Möglichkeit, die Nutzung von Humanpräparaten im Unterricht zu reflektieren.
Aus den gewonnenen Erfahrungen ließen sich vier Grundbedingungen für die schulische Auseinandersetzung mit menschlichen Überresten ableiten: Zeit, Freiraum, Vertrauen und Unterstützung durch Kolleg:innen.
Die Autor:innen empfehlen, Projekte langfristig anzulegen, etwa über ein halbes oder ein ganzes Schuljahr. Sowohl Schüler:innen als auch Lehrpersonen benötigen Zeit, um Erkenntnisse, Eindrücke und Emotionen zu verarbeiten, die im Kontakt mit menschlichen Überresten entstehen. Auch die Phasen zwischen den Treffen sind bedeutsam: In Gesprächen mit Familie oder Freund:innen entstehen neue Perspektiven, die den Reflexionsprozess vertiefen können. Zeit spielt zudem in der Provenienzforschung eine entscheidende Rolle – insbesondere dann, wenn externe Stimmen wie ehemalige Lehrkräfte, Historiker:innen oder Naturwissenschaftler:innen einbezogen werden. Auch Besuche an außerschulischen Lernorten können dazu beitragen, den Blick auf die menschlichen Überreste zu erweitern und neue Fragen aufzuwerfen.
Da die Spurensuche in der Schulgeschichte häufig überraschende Befunde birgt, braucht Unterrichtsgestaltung Freiraum. Viele Fragen ergeben sich erst während des Prozesses, weshalb Unterrichtseinheiten nicht vollständig planbar sind. Flexibilität ist erforderlich – auch, um Schüler:innen Rückzugsräume zu bieten, wenn die Auseinandersetzung emotional wird.
Ebenso zentral ist Vertrauen. Um offen über den Umgang mit menschlichen Überresten sprechen zu können, müssen Schüler:innen sicher sein, dass in der Gruppe respektvoll mit ihren Gedanken und Gefühlen umgegangen wird. Ein gefestigter Klassenverband ist hierfür günstiger als eine kurzfristig zusammengesetzte Projektgruppe.
Da Themen wie Sterben, Tod und Trauer berührt werden, können persönliche oder gar traumatische Erfahrungen bei allen Beteiligten wachgerufen werden. Lehrkräfte sollten sich selbst und ihre Schüler:innen auf solche Situationen vorbereiten und diese sensibel begleiten. Unterstützung durch Kolleg:innen ist dabei hilfreich: Sie ermöglicht es, einzelnen Schüler:innen Aufmerksamkeit zu schenken und gleichzeitig die eigenen emotionalen Grenzen wahrzunehmen.
Die Thematik der menschlichen Überreste bietet eine besondere Möglichkeit, verschiedene Fächer miteinander zu verbinden und sich so ein breites Wissensspektrum zu erschließen. Im Biologieunterricht dienen die menschlichen Überreste sowohl der unmittelbaren Anschauung als auch der Klärung naturwissenschaftlicher Fragestellungen und der Einübung entsprechender Arbeitsweisen. Rechtlich ist jedoch die Verwendung von menschlichen Überresten im Biologieunterricht insbesondere unter der Voraussetzung eines respektvollen Umgangs mit den Verstorbenen zulässig. Generell wird dabei empfohlen, dies kritisch, sachlich und unter Beachtung ethischer Grundsätze zu prüfen. Auch im Geschichtsunterricht bieten sich vielfältige Anknüpfungspunkte. In der Betrachtung von historischen Diskursen wie etwa der Vorgeschichte der Aufklärung oder der Entwicklung medizinisch-wissenschaftlicher Praktiken, können ethisch-moralische Fragen des Umgangs mit dem menschlichen Körper verhandelt und erörtert werden – insbesondere im Hinblick darauf, wie sich deren Wahrnehmung historisch verändert hat.
Gedanken zu „kolonialen Kontexten“ in Bezug zur Verwendung von Human Remains im Schulunterricht
Welche Besonderheiten ergeben sich, wenn sich innerhalb der Projekte auch dem kolonialen Unrechtskontext gewidmet wird? Schließlich ist die deutsche Kolonialgeschichte ein Themenfeld, das erst in den letzten Jahren in Lehrpläne aufgenommen wurde. Die Auseinandersetzung mit kolonialem Erbe in schulischen Sammlungen eröffnet hier neue Perspektiven: Sie macht deutlich, dass koloniale Strukturen und Wissenspraktiken bis in den schulischen Alltag hineinwirken. Den Schüler:innen wird es damit ermöglicht, koloniale Denk- und Handlungsmuster kritisch zu hinterfragen. Ob im Religionsunterricht, in Politik, Philosophie oder in den Bildenden Künsten – zahlreiche Fächer bieten inhaltliche Anknüpfungspunkte. Ob die Schule der richtige Ort ist, um junge Menschen an dieser Auseinandersetzung teilhaben zu lassen, wird innerhalb der Untersuchung als offene Frage betrachtet. Eine einfache Antwort darauf gibt es für die Autor:innen nicht. Begrenzte Ressourcen und schulische Zwänge machen es zwar einerseits nicht immer leicht, einen Raum zu eröffnen, in dem ein sensibler Umgang mit menschlichen Überresten möglich ist. Andererseits zeigt sich aber auch: Wenn dieser Raum sensibel gestaltet wird, kann er Lern- und Reflexionsprozesse anstoßen, die weit über den Unterricht herausreichen.
Gleichzeitig zeigt sich, dass in der bisherigen Debatte vor allem Perspektiven aus dem deutschen und europäischen Raum vertreten sind. Doch Schüler:innen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, können auch selbst aus ehemals kolonisierten Regionen stammen und dadurch einen individuellen Zugang zur Thematik haben. Diese Vielfalt stellt sowohl eine Chance als auch eine Herausforderung dar, die in einer Weiterentwicklung der Handreichung stärker berücksichtigt werden sollte. Gefördert werden sollte ein Austausch innerhalb der schulischen Gemeinschaft sowie mit Akteur:innen aus Herkunftsländern, um multiperspektivische Bildungsarbeit transnational zu denken.
Die Einbindung von Provenienzforschung und Themen wie Restitution in schulische und außerschulische Bildungsarbeit ist ein wichtiger Schritt, um historische Verantwortung zu vermitteln und die Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe zu verankern. Die Ergebnisse, Gedanken und Ideen der Schüler:innen zeigen, dass die Handreichung einen vielversprechenden Ansatz bietet, um Bildungsprozesse mit gesellschaftlicher Relevanz zu verbinden. Lehrkräfte sollten sie als Ermutigung verstehen.
Tim Schweigert studiert im doppelten Masterstudiengang an der Leibniz Universität Hannover Atlantic Studies und Geschichte auf Lehramt. Er war Praktikant im Fachbereich „Kultur- und Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“ des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste.
Zu den o.g. Personen:
Lara Hemken – Projektleitung
Ralph Höger und Eilin Jopp-van Well – Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Lars Janning – Leiter des Referats für Naturwissenschaften am Landesinstituts für Qualifizierung und Qualitätsentwicklung in Schulen (LI)
Antje Nagel – Leiterin des Museums der Universität Hamburg
Daniel Bein – Leiter Bildung und Vermittlung am Museum der Natur Hamburg des Leibniz-Instituts zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB)
Quelle:
Hemken, Laura/ Janning, Lars, et. al (2025): Human Remains in Schulsammlungen. Forschung und ethische Auseinandersetzung mit menschlichen Überresten im Schulkontext, Hamburg. https://www.uni-hamburg.de/museen-sammlungen/universitaetsmuseum/archiv-partizipative-projekte/human-remains-handreichung.pdf
