Ausstellung „Eine unvollendete Geschichte“ eröffnet
Die Kunstsammlungen Chemnitz haben zum ersten Mal eine Sonderschau zum Thema Provenienzforschung eröffnet: „Eine unvollendete Geschichte“. Im Mittelpunkt steht die Kunstsammlung von Lola und David Leder, die es nicht mehr gibt.
Die Ausstellung sucht Spuren: Gezeigt werden Schenkungen Lola und David Leders an die Städtische Kunstsammlung Chemnitz, anhand derer das Kunstverständnis des Paares sichtbar wird. Und es werden Fragen nach der Provenienz eines Kunstwerks gestellt, die noch nicht beantwortet sind. Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste hatte ein Projekt der Kunstsammlungen Chemnitz gefördert, das u.a. Gustav Schaffers Gemälde „Bildnis David Leder“ (1920) intensiv untersuchte.
Lola und David Leder beginnen, am Ende der 1910er-Jahre Kunst zu sammeln. Sie pflegen intensive Kontakte zu Kunst- und Kulturschaffenden. Befreundet sind sie mit dem Maler und Zeichner Otto Theodor Wolfgang Stein und den Chemnitzer Sammler:innen Senta und Erich Goeritz. Sie kaufen und verkaufen Werke von Max Liebermann, Lovis Corinth, Karl Hofer und anderen. Und der Chemnitzer Maler und Grafiker Gustav Schaffer bekommt 1920 einen Porträtauftrag. Zentral in der Ausstellung steht das Porträt von David Leder, das Gustav Schaffer 1920 in Chemnitz gemalt hat. Dabei werden die Geschichte des Werkes, das Schaffen des Künstlers, sowie die Nachinventarisierung des Gemäldes in Zeiten der DDR in den Kunstsammlungen Chemnitz beleuchtet. In Zusammenarbeit mit den Nachfahren der Familie Leder wird die Frage nach der Provenienz gestellt.
Geboren im rumänischen Iași, zieht David Leder 1889 mit seiner Familie nach Chemnitz. Er erlernt in der Firma seines Vaters Leon Leder (1860–1923), die mit Strümpfen und Handschuhen handelt, den Kaufmannsberuf. David und Lea Laura, genannt Lola, Bernstein heiraten 1914. Das Paar bekommt drei Kinder: Rudolf (1915–1997, bekannt als Stephan Hermlin), Alfred (1917–1943) und Ruth (1918–1999). 1916 wird David Leder in Holzminden interniert. 1918 kehrt er nach Chemnitz zurück. 1921–1925 lebt die Familie in Berlin. Dort gründet er ein Unternehmen für den Handel mit Wolle und Baumwolle. Wieder in Chemnitz meldet seine Firma 1928 Konkurs an. 1930 ziehen sie erneut nach Berlin und er ist als Vertreter zahlreicher Textilunternehmen tätig. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten beginnt ab 1933 die Verfolgung der jüdischen Familie. David Leder wird in der Pogromnacht 1938 verhaftet und ins Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt. Seine Frau Lola kauft ihn frei – mit einem Gemälde von Lovis Corinth. Lola und David Leder emigrieren im Juli 1939 nach London. Die beiden gepackten Lifts mit kostbaren Möbeln, einem großen Teil der Bibliothek, Kleidung und Kunst werden ihnen nicht nachgeschickt. Sie verbleiben in Berlin und werden 1942 beschlagnahmt. Der Inhalt wird 1944 versteigert bzw. verkauft.
Beginnend in den 1910er Jahren tragen Lola und David Leder eine beachtliche Kunstsammlung mit Werken von Paul Cézanne, Lovis Corinth, Albrecht Dürer, Karl Hofer, Max Liebermann, Edvard Munch, Rembrandt, Max Slevogt, O. Th. W. Stein, Henri de Toulouse-Lautrec, Lesser Ury, Maurice de Vlaminck, Jakob Steinhardt u. a. zusammen. Einen Teil der Sammlung verkaufen sie ab 1924 in drei Auktionen. Eine Reihe von Gemälden verkaufen sie an Erich Goeritz. Einen weiteren Teil der Sammlung erhält das Tel Aviv Museum 1935 als Leihgaben. Nach dem Ende des Nationalsozialismus 1945 sind Leders vollständig verarmt. David Leder stirbt 1947 in London. Lola Leder ist gezwungen, fast alle Werke aus der Sammlung, die sie aus Berlin und Tel Aviv zurückerhält, zu verkaufen. Sie stirbt 1977 in West-Berlin. Ihre Familie lebt heute in Israel, Deutschland und Großbritannien.
Zur Ausstellung und dem Begleitprogramm: https://www.kunstsammlungen-chemnitz.de/ausstellungen/eine-unvollendete-geschichte-2/
Zum Projekt: Provenienzforschung zu Zeichnungen, Druckgrafiken und Büchern mit Originalgrafiken der Grafischen Sammlung der Kunstsammlungen Chemnitz im Erwerbungszeitraum 1933 bis 1945 (September 2019 – Februar 2022)