Seit Herbst 2020 werden die Bestände der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg (UB) der Goethe-Universität Frankfurt auf Bücher hin untersucht, die ihren Eigentümern während der NS-Zeit unrechtmäßig entzogen wurden. Im Verlauf des ersten, durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste unterstützten, nun abgeschlossenen Projekts wurde klar: Die Menge an Raubgut in den Beständen ist größer als erwartet; die Provenienzforschung muss weitergehen, auch um rechtmäßige Eigentümer:innen ermitteln und die Exponate restituieren zu können. Das Projekt stellt den Auftakt einer auf viele Jahre angelegten, systematischen Provenienzforschung in den Beständen der Bibliothek dar.
Das Vorhaben wurde maßgeblich durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg gefördert und zusätzlich von der Stadt Frankfurt unterstützt, die Eigentümerin einer Vielzahl von Büchern der früheren Stadt- und Universitätsbibliothek ist. Diese entstand nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Zusammenführung mehrerer Bibliotheken, darunter der Stadtbibliothek. In einem Kulturvertrag von 1999 haben die Stadt Frankfurt und das Land Hessen vereinbart, dass ein Teil der Bestände weiterhin der Stadt gehört. Grob geschätzt handelt es sich um ein Drittel der Bücher, die vor 1945 erschienen sind.
Ursprünglich war das jetzt abgeschlossene Forschungsprojekt auf zwei Jahre angelegt, wurde jedoch aufgrund des unerwartet hohen Rechercheaufwands um denselben Zeitraum verlängert. Bei der Anlage des Projekts hatten sich die Forscher:innen an Erfahrungswerten aus vergleichbaren Projekten orientiert. Die Situation in Frankfurt stellte sich jedoch anders dar: Als Stadt mit einem großen jüdischen Bevölkerungsanteil war Frankfurt stärker von Verfolgung und Enteignung im NS-Regimes betroffen – wovon eben auch Bibliotheken und andere Kultureinrichtungen als Empfänger von enteignetem Kulturgut mehr „profitierten“. Deshalb ist der Anteil von NS-Raubgut in der Universitätsbibliothek entsprechend höher als andernorts.
Hinzu kommt, dass Frankfurt nach Kriegsende ein zentraler Ort der alliierten Restitutionsbemühungen wurde: Die Sammelstelle für geraubte und verwaiste Buchbestände wurde zunächst in den Räumen der ehemaligen Frankfurter Stadt- und Universitätsbibliothek eingerichtet, später wechselte sie als Offenbach Archival Depot in die Nachbarstadt. Millionen von Büchern wurden dort zusammengetragen und, soweit möglich, an ihre rechtmäßigen Eigentümer:innen weltweit zurückgegeben. War dies nicht möglich, verblieben die betreffenden Bestände vorerst in Offenbach und wurden ab 1947 nach und nach an die Universität Frankfurt übergeben.
Ein Teil der Bestände, die während der NS-Zeit und in der Nachkriegszeit in die UB gelangten, wurde im Rahmen des ersten Projekts zur Provenienzforschung erstmals systematisch untersucht. Das Projektteam versuchte, anhand von Stempeln, Exlibris und Vermerken in den mehr als 75.000 Büchern, die im ersten Projektabschnitt beforscht wurden, deren Herkunft nachzuzeichnen. Dabei wurden rund 7.500 Bücher entdeckt, die sich 350 unterschiedlichen Vorbesitzer:innen zuordnen lassen und bei welchen ein unrechtmäßiger Entzug wahrscheinlich ist. Aufgrund dieses auch für Expertinnen und Experten überraschend hohen Prozentsatzes konnte nur ein Teil der Einzelfallrecherchen vollständig abgeschlossen werden.
In diesen ersten vier Jahren wurden bereits etliche Bücher restituiert, also an die rechtmäßigen Besitzer:innen beziehungsweise deren Erbinnen und Erben zurückgegeben. Die Restitutionsvorgänge unterschieden sich stark hinsichtlich Umfang, Dauer und konkreter Lösung. In 35 Fällen mit insgesamt 90 Bänden konnten gerechte und faire Lösungen im Sinne der Washingtoner Erklärung gefunden werden – darunter Rückgaben, Rückschenkungen sowie Rückkäufe. Bücher aus der Frankfurter Universitätsbibliothek wurden an Privatpersonen im In- und Ausland restituiert sowie an eine Vielzahl von Organisationen, darunter politische Parteien, Gewerkschaften, jüdische Gemeinden oder Freimaurerlogen.
Ein besonders bedeutender Fall sind die Bücher aus dem Antiquariat Baer, einer Frankfurter Institution von Weltrang, die 1934 durch den NS-Staat liquidiert wurde. Die Frankfurter Bibliotheken übernahmen damals umfangreiche Bestände zu einem viel zu niedrigen Preis. Bis 1945 gab es mehrere wissenschaftliche Bibliotheken in Frankfurt, die als Vorgängerinstitutionen der heutigen UB gemeinsam die Rolle einer Universitätsbibliothek wahrnahmen. Im Rahmen des Projekts konnte dieses Unrecht dank ausführlicher Recherchen erstmals erforscht und systematisch dokumentiert werden. Die Provenienzforscher:innen der Bibliothek haben allein im ersten Projekt mehr als 5.000 Bände aus dem Antiquariat Baer identifiziert, die als NS-Raubgut anzusehen sind. Ziel ist es nun, mit den Erbinnen und Erben des Antiquariats in Kontakt zu treten, um gemeinsam eine gerechte und faire Lösung zu entwickeln. Das Projektteam hat die Suche nach den Erben aufgenommen. Im gerade gestarteten Nachfolgeprojekt ist mit weiteren bedeutenden Funden aus der Provenienz Baer zu rechnen.
Mit dem Beginn dieses zweiten Provenienzforschungsprojekts wird die Arbeit für zunächst zwei weitere Jahre fortgeführt. Auch dieses Projekt wird vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste gefördert. Der Schwerpunkt verlagert sich nun auf neue Bestandsgruppen: Im Fokus stehen diesmal insbesondere alte, seltene und wertvolle Drucke aus dem 16. bis 20. Jahrhundert, die zu Sondersammlungen gehören, welche seit den 1940er Jahren aufgebaut worden sind. Es gilt als sicher, dass auch mit diesem zweiten Projekt die Recherche nach NS-Raubgut in der Bibliothek nicht abgeschlossen sein wird: Die UB stellt sich auf eine langfristige Aufgabe ein.
Zum Projekt Recherche nach NS-Raubgut in den Beständen der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg
