Erstcheck der afrikanischen Bestände in der Ethnologischen Sammlung des Berliner Missionswerkes
Rev. Dr. Martin Frank
PositionAfrikareferent, Berliner Missionswerk
E-Mailm.frank@bmw.ekbo.de
Maike Schimanowski
PositionProvenienzforscherin
E-Mailmaike.schimanowski@bmw.ekbo.de
In einem Zeitraum von sechs Monaten wird ein Erstcheck des Kulturguts aus Afrika der "ethnologischen Sammlung" des Berliner Missionswerks (BMW) im Evangelischen Landeskirchlichen Archiv Berlin, das sie verwaltet und aufbewahrt, durchgeführt. Das BMW ist ein Werk der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und der Evangelischen Landeskirche Anhalts. Es hat seinen Ursprung in der evangelischen Missionsbewegung des frühen 19. Jahrhunderts und nutzt die positiven und kritischen Erfahrungen seiner Geschichte, um sie in die aktuellen Diskussionen um Mission und Kolonialismus einzubringen. Die "ethnologische Sammlung" umfasst heute ca. 1.000 ethnografische "Objekte", vorwiegend aus China, Südafrika und dem heutigen Tansania. Die "Objekte" wurden zum Teil von Missionar:innen angeeignet und nach Deutschland gesandt, um dort in kleinen Ausstellungen das vermeintlich alltägliche Leben und den sog. Aberglauben der Bevölkerungen zu zeigen in der Absicht, "dagegen" den christlichen Glauben (und die "christliche Zivilisation") zu stellen. Zum Teil waren die Objekte Teil der Nachlässe entsandter Missionar:innen, wurden direkt an die Vorgängerorganisation, die Berliner Missionsgesellschaft (BMG), gesandt oder beim sog. Heimaturlaub mitgebracht.
Projektziel ist, einen Beitrag zur Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit des BMW bzw. ihrer Vorgängerorganisation, der Berliner Missionsgesellschaft, zu leisten. Im Fokus stehen das Sichtbarmachen und die Verantwortungsübernahme für die koloniale Vergangenheit der Institution und der darin handelnden Akteur:innen. Darüber hinaus zielt der Erstcheck darauf, eine Grundlage für neue oder re-aktivierte Beziehungen zu den Herkunftsgesellschaften zu schaffen, zu denen auch die Beziehung des BMW zu ihren langjährigen Partnerkirchen in Tansania und Südafrika, der Evangelical Lutheran Church in Tanzania (ELCT) und der Evangelisch-Lutherischen Kirche im Südlichen Afrika (ELCSA) gehören, die aus der Missionstätigkeit des BMW und anderer Missionsgesellschaften entstanden sind. Das Projekt versteht sich insgesamt als ein relevanter Ansatz für den zukünftigen Umgang eines Missionswerks mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten und als ein Schritt hin zu einer angemessenen, zeitgemäßen Auseinandersetzung mit den eigenen historischen Beständen.
Der Erstcheck dient der Einschätzung möglicher kolonialer Kontexte gemäß den Empfehlungen des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste (DZK) und zielt auf die Sichtung und ggf. ergänzende fotografische Dokumentation der "Objekte", Ersteinschätzung der "Objekte" hinsichtlich kolonialer Kontexte, Identifikation von "Objekten" mit erhöhtem Forschungsbedarf u.a. durch Untersuchung der Erwerbskontexte durch die Akteur:innen, die Erstellung eines deutsch- und englischsprachigen Berichtes für die Forschungsdatenbank PROVEANA sowie Bereitstellung von Forschungsdaten für das CCC-Portal. Letzteres soll als Arbeitsgrundlage für potentielle weitere kollaborative Provenienzforschung mit Vertreter:innen afrikanischer Gesellschaften dienen und perspektivisch in einen langfristigen Förderantrag an das DZK münden. In einem abschließenden internationalen Workshop sollen Impulse für die weitere Aufarbeitung missionsgeschichtlicher Bestände gesetzt werden.
© Berliner Missionswerk