Die Sammlung Karl Braun und die Rolle des Amani Instituts während der deutschen Kolonialzeit in Tansania
Dr. Sebastian Möllers
PositionProjektleitung
Tel.Research assistant
E-Mailmoellers@museen-stade.de
Lea Maria Steinkampf
PositionWissenschaftliche Mitarbeiterin
E-Mailsteinkampf@museen-stade.de
Von Mai 2022 bis September 2025 realisierten die Museen Stade in Kooperation mit dem National Institute for Medical Research (NIMR) ein postkoloniales Provenienzforschungsprojekt, das vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste finanziert wurde. Beforscht wurden die Provenienzen einer Sammlung von 519 Kulturgütern, die dem heutigen Tansania zugeordnet werden.
Die sogenannte „Kolonialsammlung Braun“ war der Stadt Stade im Jahr 1934 von Karl Braun (1870–1935), dem damaligen Leiter der Biologischen Reichsanstalt für Land- und Forstwirtschaft, überlassen worden. Braun hatte sich die Kulturgüter im Zeitraum von 1904 bis 1920 während seiner Tätigkeit als Botaniker für das Kaiserlich Biologisch-landwirtschaftliche Institut Amani (Amani Institut) in der ehemaligen Kolonie „Deutsch-Ostafrika“ angeeignet. Heute wird die ehemals koloniale Forschungsstation vom NIMR genutzt und verwaltet. Hinter dem diversen Sammlungsbestand – zu dem unter anderem Haushaltsgegenstände, Waffen, Instrumente, Masken und Textilien zählen – zeichnet sich Brauns Interesse an Verarbeitungstechniken und der Nutzbarmachung „einheimischer“ Materialien ab. Demnach erzählen die Kulturgüter nicht nur von präkolonialen Kulturen, sondern vor allem auch von ihren Erwerbskontexten, den Machtasymmetrien eines kolonialen Wissenstransfers sowie der Ausbeutung natürlicher Ressourcen in der ehemaligen Kolonie.
Der Sammlungsbestand wurde den Museen Stade im Jahr 1997 von der Stadt Stade als Dauerleihgabe übergeben. Der 1976 gegründete Museumsverein betreibt das Museum Schwedenspeicher mit Ausstellungen zur Geschichte und Archäologie des Elbe-Weser-Raums, das Kunsthaus mit Ausstellungen zur Klassischen Moderne und zeitgenössischer Kunst, das ehemalige Provinzialmuseum der Herzogtümer Bremen und Verden sowie das Freilichtmuseum auf einer Insel im historischen Burggraben der Altstadt. Der koloniale Sammlungsbestand an den Museen Stade blieb jahrzehntelang unbeachtet, da er keinen Bezug zur Regional- und Kulturgeschichte der Region zu haben schien – bis er schließlich 2014 bei Sanierungsarbeiten auf dem Dachboden des Museums Schwedenspeicher aufgefunden und bald darauf das Forschungsprojekt initiiert wurde.
Im Rahmen des Forschungsprojektes wurde der umfassende Nachlass Karl Brauns in mehreren deutschen und schweizerischen Archiven erfasst. Mithilfe der Tagebücher Karl Brauns am Museum der Kulturen Basel und seinem Inventarheft an den Museen Stade konnten für einen großen Teil der Kulturgüter detaillierte Informationen zu den Aneignungskontexten erfasst werden. Als postkoloniales Korrektiv und als Ergänzung zur Forschung an den kolonialzeitlichen Quellen wurden vom tansanischen Projektteam mehrere Feldforschungskampagnen durchgeführt. An den ehemaligen Orten der Aneignung wurden Interviews geführt und ausgewertet. In Hinblick auf die Rolle des Amani Instituts im Netzwerk des Transfers von Kulturgütern erfolgte eine umfangreiche Kontextforschung: Neben Biografien stand hier vor allem die deutsche Geschichte des Amani Instituts im Fokus.
Die Forschungsergebnisse und Objektdaten wurden im Rahmen der Ausstellung „AMANI kukita | kung’oa“ (14.02.–09.06.2025) (Deutsch/Englisch), dem begleitenden Ausstellungskatalog (Deutsch/Englisch/Swahili), in einer trilingualen Online-Sammlung (Deutsch/Englisch/Swahili) sowie kontinuierlich auf einer Projekt-Wiki (Englisch) veröffentlicht.
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